Mittwoch, 18. April 2012

Blogg Dein Buch - Sommerfest von Frank Goosen

"Woanders weiß er selber, wer er ist,
hier wissen es die anderen.
Das ist Heimat."

Sommerfest (Front-Cover)
Gib einem Norddeutschen einen Artikel über Bayern und er wird kein Wort verstehen! Umgekehrt ist das ähnlich... Vielleicht ist der Dialekt nicht ganz so schwierig zu lesen, aber man taucht ein in eine komplett andere Welt. Meine Kenntnisse über den Ruhrpott setzen sich zusammen aus Tatort-Folgen und skurrilen Witzen und Erzählungen. Ich war noch nie dort und was ich gesehen habe, kommt aus dem Fernsehen - und wir alle wissen, dass die Berichterstattung immer irgenwie eingefärbt ist.

Skurril ist auch diese Erzählung irgendwie. Ein Typ - Stefan Zöllner - der seit 10 Jahren in München lebt, muss nach dem Tod seines Onkels zurück in seine Heimatstadt um dort das elterliche Häuschen zu verkaufen. Ein Wochenende lang ist er hin und her gerissen zwischen Nord und Süd, alter und neuer Liebe, weitermachen wie bisher oder Neuanfang mit starken Wurzeln.

In München lebt er mit Anka zusammen, die er nicht wirklich liebt, aber an die er sich irgendwie gewöhnt hat. Er hat keinen Job mehr, aber Hoffnung auf einen neuen, der aber auch ein Stück weit Abstieg wäre. Enge Bindungen scheint er nicht zu haben - jedenfalls sind sie nicht stark genug um erwähnt zu werden. Ganz anders in seiner Heimat: Seine Jugendliebe ist hier, die alten Freunde und Kumpels, seine Omma, zu der er eine sehr enge und liebevolle Beziehung hat, das Elternhaus, in dem er immer noch die Erinnerung an seine zu früh verstorbenen Eltern spüren kann und es gibt die Option auf eine neue Aufgabe, eine interessante Herausforderung. Aber dafür müsste er sein (bisheriges und gewohntes) Leben riskieren...

Besonders überrascht war ich über den philosophischen Ansatz des Buches. Im Gespräch mit der Omma über die Beerdigung des Onkels, erklärt sie uns: "Ich sach immer: Ihr sollt nicht heulen, dass ich weg bin, ihr sollt feiern, dass ich da gewesen bin." (Omma, Seite 45). Wir tauchen auch ein in die Lebensphilosophie der 50er Jahre und bei der Beschreibung einer Hausbar musste ich so sehr an die meiner eigenen Großeltern denken: Die Schrankwand mit dem aufklappbaren Barfach, in dem all die bunten Flaschen aufbewahrt wurden - innen mit Licht - "... da wurde nicht gespart, da gönnte man sich was." (Hausbar, Seite 93).

Es geht im Buch um Entscheidungen. Um die Entscheidungen, die unser Protagonist, Stefan zu treffen hat, und um Entscheidungen der anderen. Jeder muss sich immer für irgendetwas entscheiden, die meisten Entscheidungen sind klein und schnell getroffen. Aber dann gibt es diese großen Entscheidungen, die, zu denen Stefan meint: "Mit Entscheidungen ist es immer so eine Sache, die können einem die Luft abschnüren, solange man sie nicht getroffen hat, und als zentnerschwere Last auf den Schultern liegen, wenn man sie doch herbeigeführt hat." (Seite 125). Dass er keiner ist, der gerne Entscheidungen trifft, erkennt man bereits auf den ersten Seiten des Buches. Daran ändert sich auch bis zum Schluss nichts, denn egal wofür er sich entscheidet, er scheint es immer in Zweifel zu ziehen, denn eigentlich könnte es ja auch ganz anders sein. "... aber eigentlich ist ein großes Wort, das größte vielleicht überhaupt, weil es immer zwischen dem steht, was man tut und dem, was man tun sollte." (S. 158).

Auf der Suche nach leichter Lektüre für zwischendurch hatte ich mich bei Blogg-Dein-Buch diesmal um das Sommerfest von Frank Goosen beworben, und habe bekommen was ich erwartet hatte - und viel mehr! Ein gut zu lesender Roman, eine Milieustudie der 50er und der aktuellen Zeit im Ruhrpott, ein Lebensgefühl dieses besonderen Streifens Deutschland, Sätze zum Nachdenken und auch einen großen Spannungsbogen - denn bis zum Schluss weiß der Leser nicht, wie die Geschichte enden wird.

Den Autor Frank Goosen kannte ich bisher nicht, habe aber schon nachgesehen, welche anderen Bücher ich von ihm lesen könnte.

PS: Der Roman ist übrigens auch etwas für "ganze Kerle"!
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1 Kommentar:

  1. Ein Roman von Frank Goosen lohnt sich immer! Denn seine Geschichten kommen authentisch rüber, sind leicht zu lesen und haben trotzdem Tiefgang. Diese Verbindung ist genial und es macht einfach Spaß, auch einmal auf diesem Niveau unterhalten zu werden.

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